Eine Halle, eine klare Vision und ein fehlender Weg: Warum ein Ort für Jugendliche in der Uckermark gerade nicht an Ideen, sondern an Entscheidungen zu scheitern droht.
Zwei Kilometer hinter Gerswalde, irgendwo zwischen Seen, Feldern und dieser eigenartigen Ruhe, die Orte haben, in denen nichts mehr passiert, steht eine Halle. Beton, große Tore, Licht, das durch provisorisch eingesetzte Scheiben fällt. Ein Ort, der lange keine Rolle gespielt hat. Früher Wertstoffhof, später leer, irgendwann ein Schandfleck mitten im Wäldchen. Heute steht hier Martin Gregor und sagt: Das ist der Ort.
Wer ihm zuhört, merkt schnell, dass das kein spontaner Gedanke ist. Martin ist schon lange in der Uckermark, organisiert seit Ewigkeiten das Tree of Life Skatecamp, ein Angebot für Kinder und Jugendliche, das inzwischen fest zur Uckermark gehört. Zelte, Lagerfeuer, Badesee, Skateboards, die man selbst baut. Tage, die draußen stattfinden. Gemeinschaft, die nicht inszeniert ist. Dieses Jahr geht das Camp ins zehnte Jahr. Es funktioniert, weil es gebraucht wird. Getragen wird das Ganze vom Tree of Life Skateboardverein, der seit Jahren besteht, in der Region verankert ist und genau diese Arbeit kontinuierlich leistet. Dahinter steht kein Einzelner, sondern ein engagiertes Team, das sich um Förderanträge kümmert, Strukturen aufbaut und aktuell auch versucht, gemeinsam Lösungen für die Situation mit der Gemeinde Mittenwalde zu finden.
Platz für Bewegung, für Begegnung, für das, was sonst oft hier fehlt
Im AngerWERK Gründungsstipendium hat Martin sein Konzept für eine Skatehalle ausgearbeitet, geschärft und weitergedacht. Ein Ort, der nicht nur im Sommer existiert. Der ganzjährig offen ist. Für Schulen, für Workshops, für Kinder, Jugendliche und Familien. Auf dieser Grundlage hat der Verein die LEADER-Förderung beantragt – und bekommen. 250.000 Euro für den ländlichen Raum. Für genau solche Projekte. Eigentlich Grund zur großen Freude.
Und Zuspruch gibt es. Von Menschen aus der Region, von Unterstützer*innen, selbst von politischer Ebene, selbst von der Landrätin. Auch von außen wird das Projekt gesehen, zum Beispiel von Titus Dittmann. Der Unternehmer aus Münster, der oft als „Vater der deutschen Skateboard-Szene“ bezeichnet wird, ist auf die Idee aufmerksam geworden und findet sie gut und wichtig. Ein Zeichen dafür, dass hier nicht irgendjemand irgendetwas probiert, sondern jemand weiß, was er tut.
Martin ist einer, den man selten ohne Overall sieht. Einer, der baut, schraubt, organisiert, lacht. Der Skateboards presst, Workshops gibt, mit Kindern arbeitet, Dinge ausprobiert. Einer, der sich traut, ein so großes Projekt in die Hand zu nehmen, ohne zu wissen, ob es am Ende funktioniert. Und der trotzdem weitermacht.
Drinnen in der Halle liegt schon vieles bereit. Eine Tischtennisplatte, ein Billardtisch, erste Rampen, Kabel, Werkzeuge. Es ist ein Ort im Werden. Kein fertiges Konzept, sondern ein Raum, der sich entwickeln soll. Ein Kultur- und Jugendtreffpunkt. Offen. Niedrigschwellig. Ein Treffpunkt, an dem man nach der Schule hingehen kann, am Wochenende, zwischendurch. Platz für Bewegung, für Begegnung, für das, was sonst oft fehlt.
Wer keinen Ort hat, kann ihn nicht nutzen.
Draußen führt bald ein neuer Fahrradweg entlang der alten Bahntrasse Richtung Templin. Man kann sich vorstellen, wie Radfahrer*innen anhalten, eine Limo trinken, sitzen bleiben, schauen.
Und wie in der Halle Jugendliche sind, die nicht wegfahren müssen, um etwas zu erleben.
„Hier skatet doch keiner“, sagen manche. Die Gegenfrage liegt nahe: Würde in Angermünde Handball gespielt werden, wenn es keinen Verein gäbe? Würde Volleyball gespielt werden ohne Altstadthalle, ohne Trainer, ohne Angebot? Nein. Angebot bestimmt hier die Nachfrage, nicht umgekehrt. Wer keinen Ort hat, kann ihn nicht nutzen.
Und genau hier beginnt das Problem. Die Halle steht. Die Idee steht. Das Nutzungskonzept ist geschrieben. Das Geld ist bewilligt. Was fehlt, ist der Weg dahin. Und das im wörtlichen Sinne.
Es gibt einen alten offiziellen Zufahrtsweg, der inzwischen jemand anderem gehört. Es gibt den Naschweg, einen schmalen Pfad zum nahegelegenen See, der direkt an der Halle vorbeiführt. Genau dieser Weg darf per Amtsbeschluss nicht vom Eigentümer befahren werden. Und es gibt die Möglichkeit, eine neue Straße von der Bundesstraße zu bauen. 120 Meter vielleicht. In der Realität: Grundstücksfragen, Erbgeschichten, Genehmigungen, Jahre.
Die Situation ist so einfach wie absurd: Martin hat alles, was er braucht, um anzufangen. Nur keinen Weg, den er offiziell nutzen darf. Manche nennen das Grundstück inzwischen ein „Helikoptergrundstück“, weil man faktisch nicht legal dorthin kommt. Ein zugespitztes Bild, aber es zeigt das Problem.
Und was passiert, wenn Martin aufgeben muss? Wenn die Halle wieder verkauft wird – und das Problem bleibt? Der Nächste steht vor derselben Hürde. Oder es kommt jemand, der sie umgeht. Jemand mit genug Geld, der sich notfalls per Helikopter Zugang verschafft und die Halle für eigene Zwecke nutzt, ohne Bezug zur Region, ohne Interesse an Gemeinschaft. Möglichkeiten dafür gibt es genug.
Die Frage ist, wen man hier haben will: jemanden, der aus eigener Kraft einen Ort für viele schafft, oder jemanden, der sich Zugang einfach kauft.
Und daran hängt alles. Ohne genehmigte Zuwegung und Einwilligung der Gemeinde kein Bauantrag. Keine Nutzungsänderung. Ohne Baugenehmigung keine Auszahlung der Fördergelder. Ohne Förderung kein Umbau. Erst werden ihm Steine in den Weg gelegt. Dann wird ihm der Weg genommen.
Die Fristen laufen. Martin sucht immer weiter nach Lösungswegen.
Dabei geht es nicht um eine Skatehalle. Es geht um einen Ort, an dem Jugendliche zusammenkommen können. Um eine Alternative zu dem, was sonst bleibt. Denn bevor Martin die Halle gekauft hat, war sie genau das Gegenteil von dem, was sie werden soll: ein ungenutzter Ort, an dem Jugendliche trotzdem hingegangen sind. Graffiti an den Wänden, Spuren von Abenden ohne Struktur. Nicht sicher, nicht gestaltet, nicht gewollt.
Jetzt steht da jemand und will genau das ändern. Mit eigener Energie, eigenen Mitteln, eigener Zeit. Und macht sich dabei abhängig von Entscheidungen, die nicht bei ihm liegen.
Viele Wege führen zur Skatehalle
Das ist der Punkt, an dem Gemeinwohl konkret wird. Gemeinwohl heißt, nicht nur auf die eigene Ruhe zu schauen, sondern darauf, was für viele entsteht. Für Kinder, für Jugendliche, für ein Dorf, das sonst irgendwann ausstirbt. Ein Ort wie dieser ist keine private Spielerei. Er ist Infrastruktur. Sozial, kulturell, menschlich.
Deshalb läuft gerade eine Petition. Ein Versuch zu zeigen, dass dieser Ort gewollt ist. Dass es Bedarf gibt. Dass es nicht stimmt, dass hier niemand skaten will, sondern dass hier lange niemand die Möglichkeit hatte, sich zu bewegen. Und dann steht man in dieser Halle und sieht, wie wenig fehlt. Ein genehmigter Weg. Eine Entscheidung. Die Erlaubnis, anzufangen.
Martin Gregor weiß, wie man anfängt. Was er jetzt braucht, ist die Möglichkeit, weiterzumachen. Die Tore zu öffnen. Damit aus diesem Ort etwas wird, das bleibt.
Am Ende ist der Weg immer das Ziel.
Infos
Ort
Mittenwalde zwischen Gerswalde und Templin
Einwohner
378
Verein
Tree of Life Skateboard e.V.
Petition
Was passiert da?
Skate-Camps für junge Menschen, bald hoffentlich eine Skate und Kletterhalle für mehr Bewegung und Begegnung in der Uckermark
Lage
Berlin: ca. 95 km
Templin: ca. 14 km
Prenzlau: ca. 21 km
Angermünde: ca. 32 km
Schwedt/Oder: ca. 45 km
Kontakt
Webseite: treeoflifeskateboardverein.com
E-Mail: mail@treeoflifeskateboardverein.com
Instagram: @treeoflifeskatecamp
Nadine Engel
Designerin und Gründerin des Zaza Design Studios. Lange lebte und arbeitete sie in Berlin, bevor sie 2021 während der Pandemie in die Uckermark zog.
Mit ihr kamen ihr Mann, ihre Tochter und ihre Mutter. Die Salveymühle ist damit nicht nur ein Projekt, sondern auch ein Familienunternehmen: getragen von viel Teamwork, Gestaltungslust und der Entscheidung, einfach zu machen.