Zentrum für gemeinwohlorientierte Gründung, Transformation, Engagement

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PFHAU: Urbanistik im Dorfmaßstab

Greiffenberg
Wie ein Pfarrhof in Greiffenberg zeigt, dass man nicht warten muss, um anzufangen

Der Traum ist erstaunlich konkret: ein Haus auf dem Land, alt genug, um Geschichte zu spüren, groß genug, um neue Geschichten hineinzulassen. Platz für Menschen, die nicht nur zu Besuch kommen, sondern auch bleiben wollen. Für Ideen, die nicht sofort funktionieren müssen. Für eine Gemeinschaft, die entstehen darf.

Auf dem Weg nach Greiffenberg wirkt dieser Traum zunächst wie ein Klischee. Hügel, Weite, wenig Verkehr. Morgens, halb zehn in Deutschland spaziert ein Reh über die Straße. Es bleibt kurz stehen, schaut, als wolle es prüfen, ob man hier richtig ist, und geht dann einfach weiter. Kein Schrecken, keine Eile, kein Guten Morgen. Auch die Rehe scheinen hier langsamer zu sein als anderswo.

Zehn Minuten vom Bahnhof Angermünde entfernt, eine Stunde von Berlin, und trotzdem eine eigene Welt. Still, fast verschlafen. Und doch beginnt sie sich zu verändern, wenn man genauer hinsieht.Greiffenberg ist ein Ortsteil von Angermünde in der Uckermark. Rund 700 Menschen leben hier. Alte Bauernhöfe prägen das Bild, viel Backstein, viel Geschichte. Die ehemalige Burg und eine Mühle erzählen von einer Zeit, in der hier wahrscheinlich mehr los war.
Die Kirche im Barockstil steht noch immer im Zentrum, daneben DER Pfarrhof. Zwei Häuser, eine Scheune, eine Kirche daneben. Rund 500 Quadratmeter Raum, früher Teil des kirchlichen Lebens, halb öffentlich, geprägt von Feiern, Übergängen, Gemeinschaft.
Heute heißt dieser Ort PFHAU (PFarrHAUs).

"Wollen wir das wirklich machen? Ein Haus auf dem Land. Gemeinsam?"

Eine kleine Gruppe aus Berlin hat ihn in Erbpacht für 99 Jahre von der evangelischen Kirche übernommen Nicht als Rückzugsort, nicht als Ferienimmobilie. Sondern als Versuch, etwas anderes zu bauen. Keine klassische Eigentümerlogik, sondern eine Genossenschaft. Keine festen Zimmer für alle, sondern ein Kollektiv, das sich einbucht, kommt, geht, wiederkommt. Kein fertiges Konzept, sondern ein Anfang.
Der Anfang war unspektakulär und gleichzeitig radikal.

Als Edouard Barthen ein paar Tage zum Coworking bei Freunden in Greiffenberg verbringt, hört er zum ersten Mal von dem alten Pfarrhof. Vielleicht steht er bald zum Verkauf, heißt es. Mehr ist es nicht. Kein Exposé, kein Plan, nur ein Hinweis.
Er geht direkt hin, schaut sich den Ort an und kommt nicht mehr richtig davon los. Heute  beschreibt er diesen Moment so: „Du kommst an einen Ort, denkst eigentlich gar nicht, dass das jetzt der ist – und dann bist du da und denkst: ja, das ist es.“
Zurück in Berlin bleibt es nicht bei diesem Gefühl. Er beginnt sofort zu handeln. Ruft Menschen an, schreibt Nachrichten, bringt eine kleine Gruppe zusammen. Leute, von denen er glaubt, dass sie diesen Gedanken teilen könnten.
Es ist mitten in der Pandemie.

Sie treffen sich draußen auf dem Tempelhofer Feld, im Schnee, acht Leute, teilweise kennen sie sich kaum. Und trotzdem steht die Frage schnell im Raum: Wollen wir das wirklich machen?
Ein Haus auf dem Land. Gemeinsam?
Danach beginnt der weniger sichtbare Teil. Anträge, Gespräche, Konzepte. Der Pfarrhof ist begehrt, viele Gruppen bewerben sich. Am Ende bekommen sie den Zuschlag – weil ihr Konzept überzeugt. Weil klar wird, dass dieser Ort nicht geschlossen, sondern weitergedacht werden soll. Nicht, weil alles durchgeplant ist. Sondern weil jemand angefangen hat.
Was daraus entstanden ist, wirkt heute weniger wie ein Projekt und mehr wie eine Infrastruktur, die nach und nach wächst.

Das Modell Gemeinschaft

Um das Ganze überhaupt möglich zu machen, wählen sie eine Struktur, die mehr ist als ein pragmatischer Rahmen. Sie gründen eine Genossenschaft. Nicht, weil es der einfachste Weg ist, sondern weil es der logischste ist für das, was sie vorhaben. Ein Ort, der vielen gehört, muss auch von vielen getragen werden. Heute besteht die Genossenschaft aus sechs Personen besteht, die das Projekt maßgeblich tragen. Leona Lynen, Claudia Brückner, Tristan Biere, Nona Schmidt, Stephanie Ries und Edouard Barthen.

Für Edouard ist das eigentlich klar: „So einen Ort wie diesen hier kann man eigentlich nur als Gemeinschaft bewirtschaften.“ Die Genossenschaft wird damit zum Gefäß: für das Haus, für die Verantwortung, für die Finanzierung. Sie ermöglicht, dass Menschen ein- und austreten können, ohne große Hürden. Und sie sorgt dafür, dass der Ort bestehen bleibt, auch wenn sich die Gruppe verändert. „Die Genossenschaft ist eine Rechtsform, die uns überleben kann.“
Gleichzeitig merken sie schnell, dass Besitz allein noch keine Gemeinschaft macht. Deshalb entsteht parallel eine zweite Ebene: das Kollektiv.

Die Idee ist einfach und radikal zugleich. Menschen, die nicht Teil der Genossenschaft sind, können den Ort trotzdem nutzen. Sie zahlen einen festen Beitrag und bekommen Zugang – nicht zu einem eigenen Zimmer, sondern zu einer Infrastruktur. „Wir wollten eine beständige Gruppe von Menschen, die diesen Ort mittragen.“ Statt Eigentum gibt es Verfügbarkeit: „Man kann sich dann über einen Kalender einbuchen, Tage blocken, wann man da sein möchte.“
So entsteht eine Art Flatrate für das Land. Ein Modell, das Zugang schafft, ohne dass alle kaufen müssen. Und gleichzeitig Verantwortung verteilt. Das Kollektiv wächst mit der Zeit.

Ein Ort zum Teilen. Zeit, Freude, Schweiss

Die Genossenschaft trägt das Haus, die Verantwortung, die Kredite. Das Kollektiv nutzt den Ort, bringt Leben hinein, Ideen, Zeit. Ein gemeinnütziger Verein organisiert Fördermittel und Programme. Drei Ebenen, die ineinandergreifen. Nicht perfekt, aber funktional.

Ein paar Mal im Jahr gehört der Ort nicht ihnen. Dann ziehen sich alle zurück, räumen die Häuser leer, machen Platz. Für Hochzeiten, runde Geburtstage, große Feste. Der Hof wird zur Bühne, die Scheune zum Saal. Barfuß durch den Abend, ein Glas Wein in der Hand, der Blick geht in die Weite. Für viele ist das der Moment, in dem ein Gedanke entsteht: So einen Ort müsste man selbst haben. Den meisten ist nicht klar, wie viel Organisation und Arbeit dahinter steckt.

Nach der Arbeit ist vor der Arbeit

Was man aus den großen Fenstern im ersten Stock des Pfarrhauses sieht, wirkt leicht. Hügel, Weite, Ruhe. Aber das ist das Ergebnis von vielen Risiken, die mutig eingegangen wurden. Die ersten Jahre waren vor allem körperlich herausfordernd. Schleppen, bauen, improvisieren. Entscheidungen treffen, ohne zu wissen, ob sie richtig sind. Wände öffnen, Böden legen, Strukturen schaffen. Vieles gleichzeitig, oft neben anderen Jobs, zwischen Stadt und Land, zwischen Alltag und Projekt.
Erst nach ein paar Jahren beginnt sich etwas zu verschieben. Die Arbeit hört nicht auf, aber sie wird anders. Weniger grundlegend, mehr pflegend. Räume sind da, Prozesse greifen, Routinen entstehen. Entspannung ist möglich. Aber ganz langsam.
Wer hier ankommt, merkt schnell: Dieser Ort funktioniert nicht, weil alle dieselbe Vision haben. Er funktioniert, weil es Strukturen gibt, die Unterschiedlichkeit aushalten.

Die Scheune als Treffpunkt im Dorf

Zweimal im Monat gibt es feste Termine, an denen der Ort sich öffnet. Dann sind Menschen aus der Region eingeladen, dazuzukommen. Einmal im Monat der Backtreff. Die Scheune wird zum Treffpunkt, die Küche zum Mittelpunkt. Ein großer Ofen, viel Platz, lange Tische. Das Prinzip ist einfach. Jede Person bringt einen Teigling mit. Es wird gebacken, nebeneinander, ohne Anleitung, ohne Anspruch auf Perfektion. Am Ende wird gemeinsam gegessen. In der Scheune oder draußen, je nach Wetter. Brot, Butter, Gespräche. Der Termin ist gesetzt. Letzter Donnerstag im Monat.
Auffällig ist, wer kommt. Neue Gesichter, Menschen aus dem Dorf, alteingesessene Greiffenberge*:innen. Es mischt sich. Man kommt ins Gespräch, ohne dass jemand moderiert. Der Ort übernimmt das.
Zusätzlich gibt es einmal im Monat die Küfa, Küche für alle. Jeden dritten Donnerstag wird gekocht. Gegen einen kleinen Beitrag oder eine Spende kann jede:r mitessen. Auch hier geht es weniger ums Gericht als um das Zusammenkommen.
Beides folgt keinem Programm, sondern einer Haltung. Der Pfarrhof bleibt ein offener Ort. Ein Ort, an dem Gemeinschaft entsteht, ohne Eintritt, ohne Schwelle. Das Brot wird undogmatisch geteilt. Ohne religiösen oder spirituellen Überbau.

Im Sommer ist der Hof voll mit Leben. Und  Brot, Wein, Gesprächen, Lichterketten. Im Winter verlagert sich alles nach innen. Sauna, Schnee, Stille. Ein Specht im Hintergrund, sonst nichts. Was hier entsteht, ist kein Gegenentwurf zur Stadt. Es ist eine Ergänzung. Viele leben weiterhin in Berlin und kommen für bestimmte Zeiten. Die Kombination aus Rückzug und Gemeinschaft ist Teil des Systems.

Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Stärke dieses Ortes: Er verlangt nicht, dass man alles aufgibt. Er verlangt nur, dass man anfängt.

So schön ist es im PFHAU

Wie gründet man eine Genossenschaft?

1. Gruppe finden

Am Anfang steht eine kleine Gruppe von mindestens drei Personen. In der Praxis sind es oft mehr. Entscheidend ist ein gemeinsames Verständnis davon, was getragen werden soll. Besitz, Nutzung und Verantwortung werden von Anfang an zusammen gedacht.

 

2. Satzung entwickeln​

Die Gruppe formuliert eine Satzung. Sie legt fest, wer Mitglied werden kann, wie Entscheidungen getroffen werden und wie Geld eingebracht wird. Auch der Ein- und Austritt wird hier geregelt. Die Satzung ist das Fundament für alles, was später passiert.

3. Prüfung organisieren​

Jede Genossenschaft muss Teil eines Prüfungsverbandes sein. Dieser prüft das Geschäftsmodell und die finanzielle Tragfähigkeit. Das verursacht laufende Kosten, meist zwischen 1.000 und 2.000 Euro im Jahr. Gleichzeitig schafft es Verlässlichkeit.

 

4. Eintragung abschließen​

Nach der Prüfung wird die Genossenschaft ins Register eingetragen. Erst dann ist sie rechtsfähig und kann Immobilien kaufen, Kredite aufnehmen und Verträge abschließen.

5. Finanzierung aufbauen​

Die Finanzierung setzt sich aus mehreren Bausteinen zusammen: Mitglieder zeichnen Anteile, ergänzt durch Einlagen, private Darlehen oder Bankkredite. Nicht alle müssen gleich viel einbringen, trotzdem haben alle das gleiche Stimmrecht – ein wichtiger Unterschied zu anderen Rechtsformen.

6. Struktur erweitern​

In Greiffenberg wurde die Genossenschaft ergänzt. Ein Kollektiv ermöglicht Nutzung ohne Eigentum. Menschen zahlen einen regelmäßigen Beitrag und können den Ort über ein Buchungssystem nutzen. Zusätzlich gibt es einen gemeinnützigen Verein, der Fördermittel und Programme organisiert.

Prinzip verstehen: ​​

In Greiffenberg wurde die Genossenschaft ergänzt. Ein Kollektiv ermöglicht Nutzung ohne Eigentum. Menschen zahlen einen regelmäßigen Beitrag und können den Ort über ein Buchungssystem nutzen. Zusätzlich gibt es einen gemeinnützigen Verein, der Fördermittel und Programme organisiert.

 

Praxis in Greiffenberg

Eigentum, Nutzung und Programm sind getrennt organisiert und greifen ineinander. Die Genossenschaft hält das Haus. Das Kollektiv bringt Leben hinein. Der Verein öffnet den Ort für Projekte.

Infos

Was kann man hier machen?

Back-Treff
Jeden letzten Donnerstag im Monat, ab 18:00 Uhr.

Küfa (Küche für alle)
Wenn möglich am dritten Donnerstag im Monat. Termine bitte vorab anfragen. 

Lange Tafel für alle Greiffenberger*innen
Einmal jährlich, Termin wechselnd.

Gründer*innen

Leona Lynen, Claudia Brückner, Tristan Biere, Nona Schmidt, Stephanie Ries und Edouard Barthen.

Ort

Kirchstraße 7

Greiffenberg / Angermünde

Einwohner

700

Kontakt

Webseite: pfhau.org
E-Mail: info@pfhau.org

Instagram: @pfhau_greiffenberg

 

Nadine Engel

Designerin und Gründerin des Zaza Design Studios. Lange lebte und arbeitete sie in Berlin, bevor sie 2021 während der Pandemie in die Uckermark zog.

Mit ihr kamen ihr Mann, ihre Tochter und ihre Mutter. Die Salveymühle ist damit nicht nur ein Projekt, sondern auch ein Familienunternehmen: getragen von viel Teamwork, Gestaltungslust und der Entscheidung, einfach zu machen.

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