Man geht durch eine kleine Öffnung in einer Mauer und ist plötzlich woanders. Der Große Garten in Gerswalde liegt mitten im Dorf, aber sobald man drin ist, wird alles weiter: Wege, Blick, Zeit. Unten Beete, oben alte Mauern, irgendwo ein Tisch im Schatten, irgendwo jemand, der arbeitet. Im Sommer pflückt man Brombeeren im Vorbeigehen, es gibt manchmal Eis, ein Restaurant, Gästezimmer. Und gleichzeitig diese Ruhe, die alles zusammenhält. Der Große Garten ist weniger ein Projekt als ein Zustand. Ein Ort, an dem sich Ökologie, Kunst, Essen und Gemeinschaft überlagern. Ein Labor im besten Sinne: nicht fertig, sondern im Werden.
Jeong Hwa Min und Jan Lindenberg sind nicht wirklich mit einem Plan hierhergekommen. Sie kennen sich aus Berlin, von der Universität der Künste. Irgendwann fahren sie raus, erst mit dem Zug, dann mit dem Fahrrad weiter. Gerswalde. Sie sehen den Ort, bleiben stehen und fragen noch am selben Tag, ob man hier auch länger bleiben kann. Weil es so schön ist. Sie haben Glück. Eine Wohnung wird frei, sie ziehen ein. Das war 2017. Sie wohnen noch immer hier.
Am Anfang bringen sie sich ganz konkret ein. Es gibt im Dorf ein kleines Heft, eine Art Telefon- und Informationsliste. Sie fragen, ob sie das neu gestalten dürfen. Sie dürfen. Sie setzen es neu auf, drucken es selbst, arbeiten in ihrer kleinen gemütlichen Wohnung. Workshops, kleine Druckprojekte, Gespräche. So lernen sie die Leute aus dem Dorf kennen.
Zwischen Seoul und Gerswalde
Jeong Hwa Min ist Künstlerin und Illustratorin. Sie arbeitet mit Malerei, Kunstbüchern, Druckgrafik und Keramik. Ihre Arbeiten bewegen sich zwischen Gegensätzen: Licht und Schatten, klare Linien und organische Formen. Vieles davon entsteht inzwischen im Großen Garten. Ihr neues Töpfer-Atelier liegt seit Kurzem direkt am Eingang. Unter der Woche arbeitet sie dort, ruhig, konzentriert. Am Wochenende öffnet sie die Tür, kocht Kaffee und backt Kuchen. Lässt Fremde hereinkommen. Kein Ausstellungsraum, eher ein Ort, an dem man stehen bleibt, guckt, spricht.
Parallel dazu hat sie Seoul, ihre Geburtsstadt, die Megametropole mit über zehn Millionen Einwohnern, nie ganz hinter sich gelassen. Dort stellt sie regelmäßig aus, arbeitet weiter, bleibt Teil einer Szene, die sie geprägt hat. Große Ausstellungen, ein Publikum, das ihre Arbeit kennt, ein Umfeld, das laut und schnell ist. Und gleichzeitig sitzt sie in Gerswalde mit ihrer Schürze an einem Tisch im Schatten, druckt Bücher, arbeitet an Keramik, spricht abends mit Jan über Bücher, die sie jeder für sich zusammen lesen. Alle zwei Wochen treffen sie sich online mit Leuten aus Korea, Reading Groups aus ihrer Wohnung heraus. Gerswalde – Korea mit einer emotionalen Standleitung. „Ich brauche viel Zeit für mich“, sagt sie, „aber ich möchte verbunden bleiben.“ Die Megastadt und das Dorf stehen sich hier nicht gegenüber. Sie greifen ineinander. Es ist für sie selbstverständlich geworden, beides zu leben.
Vom Konzept zum Kompost
Jan ist Designer. Er hat für die Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde gearbeitet und später für das Thünen-Institut. Bevor es das AngerWERK gibt, läuft er in Angermünde an einem Fenster vorbei, klopft bei Nadine Binias und sagt: “Lass uns etwas zusammen machen, ich hab schon viel von Dir gehört.” Daraus entsteht das Haus mit Zukunft und später das AngerWERK. Jan ist in den ersten Jahren maßgeblich beteiligt, entwickelt Konzepte, denkt Räume, baut Strukturen auf. Später organisiert er unter anderem im Auftrag vom Thünen Institut das Open Neuland Festival im Haus mit Zukunft in Angermünde.
Und dann entscheidet er sich für etwas anderes. „Ich wollte etwas machen, das direkter ist“, sagt er. Und jetzt wird er Gärtner. Er macht eine Ausbildung bei der Tiny Farm Academy, lernt Böden, Wasser, Pflanzen. „Es ist nicht einfach nur ein bisschen schneiden, da steckt eine ganze Komplexität dahinter.“
Der Große Garten passt dazu. Er ist bekannt geworden durch den Film Von Bienen und Blumen von Lola Randl. Danach kommen viele. Im ersten Corona-Sommer so viele, dass der Ort an seine Grenzen kommt. Schlangen, Autos, Unmut im Dorf. Ein Ort, der für Ruhe gedacht ist, wird plötzlich zu voll. Heute ist es wieder leiser. Nicht leer, aber klarer.
Jan gründet mit anderen den Großen Garten Verein. Keine starre Struktur, eher ein Rahmen. Kultur, Garten, Geschichte. „Dass der Garten lebendig bleibt“, sagt er.
Ihr Alltag ist einfach. Sie gehen spazieren,manchmal auch mit dem Hund von Maresa, der Hebamme nebenan, die ein Geburtshaus betreibt. Sie kommen zurück, arbeiten weiter. Essen Radieschen aus dem Garten, sprechen über Bücher, über das, was gerade entsteht.
Was sie ausstrahlen, ist auffällig: Ruhe. Konzentration. Vielleicht Zen? Eine Art Selbstverständlichkeit darin, das eigene Leben zu gestalten. Sie machen, was sie machen wollen. Und sie machen es bewusst.
Die Kunst, wachsen zu lassen
Im Garten lernt man schnell, dass man nicht alles kontrollieren kann. Man muss Böden nähren, Beikraut entfernen, im Winter beschneiden, damit im Frühjahr wieder etwas wächst. Manchmal funktioniert etwas nicht nebeneinander, obwohl es gut gemeint war. Manchmal entsteht etwas, womit man nicht gerechnet hat.
So leben sie auch.
Nicht alles planen, nicht alles festhalten. Dinge anfangen, beobachten, weiterentwickeln. „Ich möchte meinen eigenen Weg gehen“, sagt Jeong. Und Jan spricht davon, dass ein lebendiger Prozess sich nur durch Veränderung zeigt.
Vielleicht ist genau das das Besondere an diesem Leben: dass es sich nicht festlegt. Dass es sich weiterentwickelt. Leise. Schritt für Schritt. Organisch.
Wie ein Garten.
Infos
Ort
Dorfmitte 7
17268 Gerswalde / Uckermark
Der große Garten
Auf dem Gelände der ehemaligen Schlossgärtnerei treffen ökologische Landwirtschaft, Kunst, gutes Essen und Gemeinschaft aufeinander. Regelmäßige Mitmach-Gartentage laden dazu ein, selbst aktiv zu werden. Dazu gibt es Orte zum Essen, zum Schlafen und viele ruhige Ecken zum Lesen, Gärtnern oder einfach Dasein.
Lage
ca. 30 km bis Angermünde
ca. 100 km bis Berlin
min.workroom
Atelier Jeong Hwa Min
Geöffnet an Wochenenden und Feiertagen 13–17 Uhr