Zentrum für gemeinwohlorientierte Gründung, Transformation, Engagement

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Anne Dahlmann und die Alte Apotheke

Angermünde
„Vielleicht fehlen nicht die Ideen. Vielleicht fehlen die Räume.“

If you build it, they will come…
Warum Anne Dahlmann eine alte Apotheke in einen Coworking-Space verwandelt, weshalb sie Computerspiele entwickelt hat, obwohl sie keine spielen durfte, und warum die Alte Apotheke eigentlich eine Medizin gegen Einsamkeit werden soll.

Als Anne Dahlmann ein Kind war, durfte sie keine Computerspiele spielen. Die logische Konsequenz: Sie wurde Computerspieleentwicklerin. Ha!

Anne gehört zu den Menschen, die sich selten damit zufriedengeben, Dinge nur zu konsumieren. Sie will verstehen, wie sie funktionieren. Wie sie gebaut werden. Wie sie besser werden können. Diese Neugier zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben. Auf der Website ihres Unternehmens Pixeltinker beschreibt sie sich selbst als jemanden, der ständig Dinge auseinander- und wieder zusammenbaut. Nicht unbedingt mit Schraubenzieher und Werkzeug, sondern mit Ideen.
Vielleicht beginnt genau dort diese Geschichte.
Denn die Alte Apotheke in Angermünde ist eigentlich nichts anderes als das größte Bastelprojekt ihres Lebens.

Anno Uckermark

Geboren wurde Anne in Schwedt. Aufgewachsen ist sie größtenteils in Berlin. Später studierte sie an der Games Academy und machte das, wovon viele Jugendliche träumen: Sie entwickelte Computerspiele und verdiente damit richtig gutes Geld.
Bei einer Spielefirma lernte sie auch René kennen. Er ist Grafiker, Designer und bis heute ihr wichtigster Mitstreiter. Ohne ihn, sagt Anne, würde vieles gar nicht funktionieren. Während sie Ideen entwickelt und Projekte anstößt, ist René oft derjenige, der sie in die Realität übersetzt. Er baut, tüftelt, plant mit und hält gleichzeitig der Familie den Rücken frei. Gemeinsam arbeiteten sie später für internationale Unternehmen, unter anderem für Ubisoft. Anne entwickelte 3D-Welten, Gebäude und Objekte für Spiele wie Anno oder Assassin’s Creed Black Flag. Eigentlich schien der Weg vorgezeichnet. Gute Jobs. Große Unternehmen. Karriere. Fertig?

Doch irgendwann kam die Frage, die sich viele Menschen stellen:
Wie soll das Leben eigentlich noch aussehen? Ist Arbeit alles? Damals lebten die beiden in Mainz. Die Wohnung wurde kleiner, die Zukunft größer. Es ging um Kinder, um ein Zuhause, um Wurzeln. Und plötzlich rückte ein Haus in der Uckermark wieder in den Blick.
Ein Haus, das seit Jahren im Familienbesitz war. Ein Ort, mit dem Anne eigentlich abschließen wollte. Während andere Menschen von einem Haus auf dem Land träumen, gehörte sie lange zu denen, die sich ziemlich sicher waren, niemals in ein Dorf mit knapp 200 Einwohner*innen zu ziehen.
Dann fuhr sie gemeinsam mit René nach Altkünkendorf. Er sah sich das Haus an und sagte ziemlich sofort: „Natürlich ziehen wir hierher.“ Heute lacht Anne darüber. Damals war sie sich längst nicht so sicher. Zum Glück war da jemand, der an die Idee glaubte.

Uckermärkisches Bullerbü mit Pferd

Seit fast zehn Jahren lebt die Familie inzwischen in Altkünkendorf. Mit Katze, Hündin und einem Pferd, das ein paar Grundstücke weiter steht. Die Kinder springen durch den Garten. Die Haustür geht auf und das Abenteuer beginnt direkt vor dem Wohnzimmer.
Für Anne ist das bis heute einer der größten Gewinne ihres Umzugs. „Für die Kinder hätte ich mir keine schönere Kindheit vorstellen können.“ Das bedeutet nicht, dass alles romantisch ist. Wer auf dem Land lebt, kennt auch die andere Seite: weite Wege, fehlende Infrastruktur, wenig spontane Besuche und manchmal eine Einsamkeit, die man aus der Stadt nicht kennt.
Doch Anne gehört nicht zu den Menschen, die lange darüber nachdenken, warum etwas schwierig ist. Sie überlegt lieber, wie man es trotzdem macht.

Von der Spielebranche zu Pixeltinker

Gemeinsam mit René gründete Anne nach dem Umzug nach Altkünkendorf das Pixeltinker Studio. Die beiden arbeiteten für Kund*innen in ganz Deutschland, entwickelten Software, gestalteten digitale Anwendungen und verdienten ihr Geld mit kreativer Digitalarbeit. Das funktionierte lange sehr gut.
Dann kam Corona. Projekte wurden abgesagt, Budgets eingefroren, Aufträge verschoben. Plötzlich stand vieles auf der Kippe. Doch statt abzuwarten, machten die beiden das, was sie bis heute auszeichnet: Sie probierten etwas Neues aus.
Die Familie öffnete ihren großen Garten in Altkünkendorf für Reisende. Eigentlich war die Idee ganz einfach: Menschen aus den Städten einen Platz anbieten, an dem sie für ein paar Tage durchatmen können. Anne baute eine kleine Website, trug das Angebot bei Google ein und wartete ab.
Was dann passierte, überraschte selbst sie. Bereits am ersten Wochenende standen plötzlich Zelte auf der Wiese. Dann kamen weitere. Menschen aus Deutschland, Polen, Frankreich und den Niederlanden fanden den Weg in die Uckermark.
Für die Familie wurde diese schwierige Zeit gleichzeitig zu einer der schönsten. Ihre Tochter spielte mit Gästen aus aller Welt im Garten, es wurde gemeinsam gekocht, erzählt und gelacht. Aus Fremden wurden Gespräche. Aus einer Krisenidee entstand ein Ort der Begegnung.
Und noch etwas passierte in dieser Zeit: Anne erfuhr, dass sie wieder schwanger war. Während auf der Wiese die Zelte standen und Menschen aus ganz Europa ein- und ausgingen, machte sich ihre zweite Tochter auf den Weg in die Welt. Für die Familie war diese Zeit deshalb nicht nur eine Phase des Umbruchs, sondern auch ein Neubeginn.
Und vielleicht zeigte sich damals schon, was Anne eigentlich antreibt: Nicht Gebäude. Sondern Menschen.
Als die Pandemie vorbei war und die Zelte abgebaut waren, folgte die nächste Veränderung. Künstliche Intelligenz hielt Einzug in die Kreativbranche und veränderte viele Arbeitsabläufe grundlegend. Wieder stellte sich die Frage: Festhalten oder neu denken?
Anne und René entschieden sich für Letzteres. Pixeltinker Studio veränderte sich mit. Der Name passte plötzlich noch besser. Ein Tinkerer ist jemand, der tüftelt, ausprobiert, zerlegt und neu zusammensetzt.
Genau das tun die beiden bis heute. Sie entwickeln digitale Anwendungen, gestalten virtuelle Räume und erstellen Architekturvisualisierungen. Mit ihrer Software können Kund*innen durch Gebäude laufen, die noch gar nicht gebaut wurden. Während andere Baupläne betrachten, setzt Anne bereits die virtuelle Brille auf. Ihre Begeisterung für Räume geht inzwischen noch weiter. Derzeit absolviert sie berufsbegleitend ein Fernstudium zur Interior Designerin und spezialisiert sich auf Farbgestaltung, Beleuchtung und individuelle Raumkonzepte. Dabei arbeitet sie mit Architekt*innen, Innenarchitekt*innen und Landschaftsplaner*innen zusammen.
Anne liebt es, Räume zu denken. Vielleicht war die Alte Apotheke deshalb unvermeidlich.

„Dürfen eure Kinder Computerspiele spielen?“
Auf diese Frage muss Anne lachen. Natürlich dürfen sie. Jeden Freitag sitzt die Familie gemeinsam vor dem Bildschirm und spielt Minecraft. Mit VR-Brille, Controller und viel Begeisterung. Auch das erzählt viel über sie. Es geht nie um Technik um der Technik willen. Es geht darum, gemeinsam etwas zu erleben. Etwas zu bauen. Eine Welt zu erschaffen.

Die Idee für die Alte Apotheke beginnt erstaunlich unspektakulär

Anne suchte eigentlich nur einen Arbeitsplatz. Einen Ort außerhalb ihres Wohnzimmers. Einen Ort ohne Lego auf dem Boden und ohne rüttelnde, wartende Waschmaschine im Hintergrund.
Gleichzeitig begann sie, sich stärker politisch und gesellschaftlich zu engagieren. Vor rund zwei Jahren entschied sie sich ganz bewusst, sich mehr in lokale Themen einzubringen. Dadurch bekam sie immer tiefere Einblicke in die Herausforderungen der Innenstadt und die Fragen, die viele Menschen in Angermünde beschäftigen.
Dann besuchte sie eine Veranstaltung des Tourismusvereins. Dort lernte sie Nadine Binias und das AngerWERK näher kennen. An diesem Abend ging es um Gründung, Unternehmertum und die Zukunft der Region.

Irgendwann fiel ein Satz aus dem Publikum, den Anne bis heute nicht vergessen hat. Sinngemäß: Hier wolle doch sowieso niemand gründen. Anne musste innerlich lachen. „Ich habe hier vor zehn Jahren gegründet“, dachte sie. Und sie war längst nicht die Einzige.
Wer genauer hinschaut, entdeckt Gründer*innen überall: die Menschen hinter RegionalLiebe, Handwerksbetriebe, Friseurläden, kleine Geschäfte in der Innenstadt, Kreative, Selbstständige und Unternehmer*innen. Die Frage ist vielleicht nicht, ob Menschen gründen wollen. Die Frage ist eher, warum man sie so selten sieht.

An diesem Abend stellte Anne sich eine andere Frage: „Vielleicht fehlen hier gar nicht die Gründer*innen. Vielleicht fehlt einfach nur ein Ort für sie. Mitten in Angermünde. Sichtbar. Einer, an dem Menschen vorbeigehen und sehen können, dass hier Ideen entstehen.“
Später stand sie gemeinsam mit Nadine vor der Alten Apotheke. Sie blickten durch die große Schaufensterscheibe auf die leerstehenden Räume. Wo andere einen ehemaligen Gewerberaum sahen, begann bei Anne bereits das Kopfkino. Ein Ort zum Arbeiten. Zum Treffen. Zum Denken. Zum Gründen.
Ein Ort, an dem man nicht allein am Küchentisch sitzt oder krumm im Bett arbeitet. Ein Ort für Selbstständige, Gründer*innen, Kreative und alle, die etwas aufbauen wollen.
Kurz darauf machte sie sich auf die Suche nach dem Eigentümer. Sie fragte nach, hakte nach, schrieb E-Mails, führte Gespräche und entwickelte erste Konzepte. Während viele Vorhaben schon an der ersten Hürde scheitern, blieb Anne hartnäckig. Je konkreter ihre Pläne wurden, desto mehr wuchs auch die Überzeugung auf der anderen Seite.

Der Eigentümer aus Biesenbrow war von der Idee angetan. Vor allem, weil sie etwas schaffen wollte, das der Innenstadt neues Leben einhaucht. Sinngemäß sagte er zu ihr: „Wir brauchen hier nicht noch ein Bestattungsunternehmen. Wir brauchen Orte, an denen Menschen zusammenkommen. Sonst stirbt die Innenstadt irgendwann aus.“
Das traf einen Nerv. Denn genau darum geht es Anne auch. Nicht nur um Schreibtische und WLAN. Sondern um Sichtbarkeit, Begegnung und die Frage, wie eine Kleinstadt lebendig bleibt.
Irgendwann wurden sie sich einig. Und eines Tages hielt Anne den Schlüssel in der Hand. Zu einem Raum, den sie eigentlich nur für sich gesucht hatte. Der inzwischen für viele gedacht ist.

Erste 360° Visualisierungen von Pixeltinker

Eine Apotheke gegen Einsamkeit

Wer heute durch die Räume läuft, sieht vor allem Baustelle. Herausgerissene Böden. Freigelegte Wände. Kabel. Staub. Anne sieht etwas anderes.
Sie sieht feste Arbeitsplätze für Selbstständige. Flexible Coworking-Plätze für Menschen, die nur stundenweise arbeiten möchten. Meetingräume. Einen Ort für Workshops, Events und regelmäßige Treffen. Vielleicht irgendwann ein Podcaststudio? Vielleicht aber auch Dinge, die heute noch niemand auf dem Zettel hat.
Und natürlich profitiert auch Pixeltinker davon. Die Alte Apotheke wird künftig Arbeitsort, Treffpunkt und Schaufenster zugleich sein. Ein Ort, an dem Menschen die Arbeit des Studios kennenlernen können und an dem neue Projekte, Kooperationen und Gespräche entstehen.
Viele Ideen beginnen bei Anne. Viele werden erst möglich, weil René sofort anfängt mitzudenken oder zum Baumarkt zu spazieren.
Anne sieht, wenn sie abends staubig die Tür abschließt und noch einmal durch die große Schaufensterscheibe blickt, längst mehr als eine Baustelle. Sie sieht Menschen an Schreibtischen. Gespräche bei Kaffee. Veranstaltungen am Abend. Ideen, die Gestalt annehmen. Einen Ort, der lebt.
Diese Vision treibt sie an. Und sie ist bereit, dafür einiges zu riskieren. Die Alte Apotheke entsteht neben ihrer eigentlichen Arbeit. Anne investiert Zeit, Energie und ihr eigenes Erspartes. Geld, das ursprünglich als Sicherheit für schlechte Zeiten gedacht war. Jetzt fließt es in Böden, Wände, Möbel und den Aufbau eines Ortes, von dem sie hofft, dass er einmal vielen Menschen etwas zurückgeben wird.
Vielleicht ist genau das Unternehmertum. Nicht zu wissen, ob etwas funktioniert. Und trotzdem anzufangen. Weil es Momente gibt, in denen die Neugier größer wird als die Angst. In denen die Vision stärker ist als alle Zweifel. Und vielleicht entstehen genau dann die spannendsten Orte.
Früher wurden in der Alten Apotheke Medikamente verkauft. Heute soll hier eine andere Art von Medizin entstehen. Gegen Einsamkeit. Gegen das Gefühl, mit seinen Ideen allein zu sein.

Eine wachsende Geschichte

Noch ist die Alte Apotheke nicht eröffnet. Noch wird gebaut, geplant, diskutiert und ausprobiert. Die alten Regale sind verschwunden, Wände werden geöffnet, Böden herausgerissen. Aus der ehemaligen Apotheke wird Schritt für Schritt etwas völlig Neues.
Hin und wieder geht trotzdem die Tür auf. Jemand kommt von der Rosenstraße herein, weil der Fußpilz juckt oder die Nase läuft. Für einen kurzen Moment herrscht Verwirrung. Statt Apothekenregalen wartet ein großer, offener Raum. Baustelle. Staub. Zukunft.
Dann steht Anne da und erklärt geduldig, was hier gerade entsteht. Und meistens bleiben die Menschen länger als geplant. Stellen Fragen, erzählen von eigenen Ideen. Oder davon, was ihrer Meinung nach in Angermünde noch fehlt. Genau so wächst die Alte Apotheke schon jetzt. Noch bevor sie überhaupt eröffnet hat.
Es geht in diesem Porträt nicht um Immobilien. Nicht um Coworking. Sondern um die Überzeugung, dass etwas entstehen kann, wenn jemand den ersten Schritt macht und den Raum dafür schafft.
„If you build it, they will come.“ Vielleicht gilt das für Coworking-Spaces. Vielleicht für Innenstädte. Vielleicht für Gemeinschaft. Und vielleicht ist genau das die eigentliche Idee hinter der Alten Apotheke.


Wir begleiten Anne Dahlmann und die Alte Apotheke weiter auf ihrem Weg zur Eröffnung. Fortsetzung folgt.

Infos

Alte Apotheke

Coworking-, Begegnungs- und Arbeitsort in Entwicklung

Gründerin

Anne Dahlmann

Seit

Projektstart 2025/2026

Voraussichtliche Eröffnung: Herbst 2026

Gebäude

Ehemalige Apotheke 

Vision

Lage

ca. 86 km bis Berlin

50 Minuten mit der Regionalbahn

Adresse

Rosenstraße 5

Angermünde Innenstadt

Mitgründer & Mitgestalter

René Plehn

Geplante Angebote

Flexible Coworking-Plätze
Feste Schreibtische für Selbstständige
Geschäftsadresse in der Innenstadt
Meetingräume
Veranstaltungen & Community-Formate
Perspektivisch Podcast- und Kreativräume

Nadine Engel

Designerin und Gründerin des Zaza Design Studios. Lange lebte und arbeitete sie in Berlin, bevor sie 2021 während der Pandemie in die Uckermark zog.

Mit ihr kamen ihr Mann, ihre Tochter und ihre Mutter. Die Salveymühle ist damit nicht nur ein Projekt, sondern auch ein Familienunternehmen: getragen von viel Teamwork, Gestaltungslust und der Entscheidung, einfach zu machen.

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