Die Uckermark gilt oft als Region, aus der Menschen wegziehen. In Gerswalde entsteht ein anderes Bild: Hier kommen sie an. 139 Kinder wurden im Geburtshaus Der Hof bereits geboren. An einer Kreidetafel an der Fassade stehen die neuesten Namen, leise ergänzt, fast beiläufig. Es ist ein Ort, der nicht vom Weggehen erzählt, sondern vom Ankommen. Von neuem Leben. Und von einer Frau, die ihren Kindheitstraum genau hier verwirklicht hat: Maresa Fiege.
Die Uckermark ist eine Gegend, in der manche Träume nicht sofort an Grenzen stoßen. Vielleicht, weil es hier Platz gibt und Zeit für Anfänge. In Gerswalde, mitten im Dorf steht ein Haus, in dem genau das passiert.
Nicht als Metapher, sondern ganz konkret. Kinder kommen hier zur Welt. Ihre ersten Geräusche sind nicht das Piepen von Monitoren, sondern Wind in den Bäumen, Vogelstimmen, manchmal das Klappern eines Storches auf einem der Dächer. Ihre ersten Bilder: Wiesen, Gärten, Himmel.
Familien reisen dafür von weit her an. Aus Berlin, aus Süddeutschland, aus Portugal, Schweden, Frankreich. Manche, weil sie diesen Ort suchen. Andere, weil sie zu Hause gar keine Möglichkeit haben, ihr Kind außerklinisch zu bekommen. Gerswalde ist für sie kein Punkt auf der Landkarte, sondern eine Entscheidung.
Sie kommen für den Geburtsurlaub.
Drei Wochen vor dem errechneten Termin ziehen sie ein. Leben in einer der Ferienwohnungen auf dem Hof, kochen, spazieren, warten. Lernen den Geburtsraum kennen, der eher an eine warme, ruhige Höhle erinnert als an einen medizinischen Raum. Wenn die Wehen einsetzen, sind sie schon da. Und wenn das Kind geboren ist, bleiben sie noch. Eine Woche, zwei, manchmal länger. Zeit, die es sonst oft nicht gibt.
Dass es diesen Ort gibt, hat mit einer Frau zu tun, die erstaunlich früh wusste, was sie werden wollte. „Ich wollte tatsächlich schon immer Hebamme werden. Also eigentlich schon seit dem Kindergarten.“
Wie schwer es ist, Hebamme zu werden
Maresa hat sich acht Jahre lang für ihre Wunschausbildung beworben. Wurde immer wieder abgelehnt. Ihr Zeugnis war nicht gut genug, der Weg nicht geradlinig genug. Sie holte das Abitur nach, lernte Arzthelferin, arbeitete mit Frauen in verschiedenen Ländern, studierte Kunst. Bekam ihre ersten Kinder. Und hörte trotzdem nicht auf, sich zu bewerben.
Als sie den Platz schließlich bekam, war sie Anfang dreißig. Ihre Söhne sind noch klein. Die Ausbildung bedeutete Schichtdienst, Lernen, Verantwortung – und gleichzeitig Familie. „Mein Mann hat das alles aufgefangen“, sagt sie. „Er hat gesagt: Das ist dein Traum, mach das.“
Dieser Traum hatte da längst eine Form angenommen.
Nach ihren eigenen Geburten in Berlin war da ein Gefühl geblieben. Die Stadt war zu laut, zu dicht, zu schnell für das, was nach einer Geburt passiert. „Es war mir einfach zu wild“, sagt sie. Die Vorstellung entstand, dass es einen Ort geben müsste, an dem man sich diesem Moment entziehen kann. Raus aus dem Alltag, raus aus der Stadt, hinein in etwas Ruhigeres.
Ein Geburtsurlaubsort.
Damals noch eine Idee. Heute ein Ort, der deutschlandweit bekannt ist. Der erste seiner Art.
Nach der Ausbildung zog Maresa mit ihrer Familie aufs Land. Nicht zufällig in die Uckermark, sondern weil die Landschaft sie an ihre Herkunft erinnert. Hügelig, weit, offen. Über Kontakte zu Lola Randl und ihren Mann erfuhren sie von einem Haus in Gerswalde. Sie klingelten. Erzählen von ihrer Idee. Der Besitzer war sofort interessiert.
Der lange Weg zu einem besonderen Ort
Der Weg zum eigenen Hof war nicht einfach. Kein klassisches Einkommen, ein ungewöhnliches Konzept. Viele Banken sagten ab. Die Uckermärkische Sparkasse sagte zu. „Sie wollten, dass es so einen Ort hier gibt“, sagt Maresa.
Heute wohnen sie selbst auf dem Hof. Unten wird geboren, oben leben auf Zeit Familien. Dazwischen Alltag: Kinder, die durch den Garten laufen, jemand, der Kräuter sammelt, jemand, der ein Baby im Tuch trägt. Es riecht nach Erde, nach Tee, nach Essen aus den Küchen der Wohnungen. Geburt ist hier kein isolierter Moment, sondern Teil eines größeren Zusammenhangs.
Maresa arbeitet nicht nur im Geburtshaus oder im Kreißsaal. Sie begleitet Schwangerschaften, macht Nachsorge, gibt Sexualkundeunterricht an Schulen, organisiert Menstruationskreise für junge Mädchen, spricht mit Frauen über Menopause. „Diese Frauenarbeit“, sagt sie, „das hat mich schon immer interessiert.“ Der Körper als etwas, das verstanden werden kann. Nicht nur behandelt.
Der Hof funktioniert dabei nicht gegen die Medizin, sondern mit ihr. Wenn etwas nicht mehr physiologisch ist, wird verlegt. Frühzeitig, bewusst. Maresa kennt die Klinik in Eberswalde gut, hat selbst dort gearbeitet. Vertrauen statt Abgrenzung.
Und gleichzeitig ist dieser Ort etwas Eigenes.
Ein Raum, in dem Zeit anders funktioniert. In dem niemand nach zwei Tagen wieder gehen muss. In dem Fragen gestellt werden können, die sonst keinen Platz haben. In dem man bleiben darf, bis man bereit ist zu gehen.
Der Beruf bringt einiges mit sich. Große Verantwortung, kaum planbare Tage, ein Alltag, der jederzeit kippen kann. Dazu kommen hohe Haftpflichtkosten, eine vergleichsweise geringe Vergütung und ein System, das Hebammen das Arbeiten oft eher erschwert als erleichtert. Wer diesen Beruf ausübt, trägt viel – fachlich, organisatorisch, emotional. Und oft auch finanziell. Maresa lebt in Rufbereitschaft. Ihr Telefon ist nie auf Flugmodus. Wenn sie abends ins Bett geht, weiß sie nicht, ob die Nacht ruhig bleibt. Es kann jederzeit klingeln. Abschalten ist kein Teil dieses Berufs.
Es ist nicht einfach.
Ein Traum mit Wurzeln
Und trotzdem ist es für Maresa genau das Richtige. Weil es nie nur ein Beruf war, sondern immer ihr Traum. Einer, den sie nicht aufgegeben hat, auch als der Weg dorthin lang war. Einer, den sie heute lebt – in jeder Geburt, in jeder Begleitung, in jedem Gespräch.
Vielleicht auch deshalb, weil sie sieht, wie groß der Bedarf ist. Wie viele Frauen keinen Zugang zu solchen Orten haben. Wie wenig Raum es oft gibt für das, was rund um Geburt eigentlich gebraucht wird. Mit dem Geburtshaus hat sie einen Ort geschaffen, der genau das ermöglicht. Und sie sorgt dafür, dass er bestehen kann – nicht allein, sondern gemeinsam mit einer Kollegin, mit der sie sich die Rufbereitschaft teilt. Damit auch Pausen möglich sind. Und damit dieser Ort weiter das sein kann, was er ist: ein Anfang.
Gerswalde ist für sie dabei beides: Ort und Herausforderung. Sie wurde freundlich aufgenommen, sagt sie. Gleichzeitig bleibt eine Distanz. Zugezogene bleiben Zugezogene. „Man wird nicht wirklich Teil davon“, sagt sie. Ohne Bitterkeit, eher als Feststellung. Für ihre Kinder ist Gerswalde Heimat.
Für sie auch ein Ort, an dem Menschen ankommen, die sich sonst nie begegnet wären. Und ihn nie wieder vergessen werden. So viel Leben.
Im Garten wachsen Brennnesseln, Löwenzahn, Gänseblümchen. Maresa sammelt sie, erklärt ihre Wirkung, macht daraus stärkende Mischungen. Währenddessen laufen Kinder über das Gelände, jemand fragt nach Windeln, jemand sitzt einfach nur in der Sonne.
Das Leben passiert hier nicht spektakulär. Es passiert einfach.
Und vielleicht ist das das Besondere an diesem Ort. Dass hier etwas so Grundlegendes stattfinden kann, ohne dass es überhöht wird. Dass Geburt nicht beschleunigt wird, sondern Raum bekommt. Dass ein Kind auf die Welt kommt und das Erste, was es sieht, nicht Technik ist, sondern Ausblick.
Maresa hat ihren Traum nicht nur verwirklicht. Sie hat ihn hier verankert.
In Gerswalde beginnt das Leben.
Fotos: Lisa Lange Fotografie und Stefan Wieland
Infos
Ort
Gerbutshaus Der Hof
Dorfmitte 7
17268 Gerswalde (ca. 1.600 Einwohner)
Uckermark
Gründerin
Maresa Fiege
Angebot
Geburtshausgeburten
Geburtsurlaub (Anreise ca. 3 Wochen vor Termin, Aufenthalt ca. 6 Wochen)
Schwangerschaftsbegleitung und Wochenbettbetreuung
Kurse und Veranstaltungen (u. a. Aufklärung, Frauengesundheit)
Kapazität
3 Wohnungen + 1 Jurte
Geburtsraum im Haus
Lage
Angermünde: ca. 20 km
Berlin: ca. 90 km
Templin / Prenzlau: ca. 20 km
Anbindung
Wilmersdorf bei Angermünde oder Angermünde, ca. 20 km
Ein Fahrrad lohnt sich immer in der Gegend, um die Natur und Seen zu entdecken.