Ein Skatecamp, das gerade zehn geworden ist, ein Verein und ein Mann, der Bretter presst: Warum Martin Gregor in der Uckermark etwas aufgebaut hat, von dem manche sagen, dass es das hier nicht gibt.
„Hier skatet doch keiner.“
Diesen Satz hört man in der Uckermark oft. Er ist auch nicht falsch. Er ist nur in der Reihenfolge verkehrt. Noch keiner. Aber immer mehr.
Würde in Angermünde Handball gespielt, wenn es keinen Verein gäbe? Würde jemand Volleyball spielen ohne Halle, ohne Trainer, ohne Angebot? Das Angebot bestimmt die Nachfrage. Nicht umgekehrt. Wer keinen Ort hat, kann ihn nicht nutzen. Martin Gregor hat das nie besonders interessiert. Er hat einfach angefangen.
Der Pionier
Er hat das Skateboarden mit hierhergebracht. So einfach kann man das sagen. Es gab hier kaum etwas, an das man hätte anknüpfen können. Keine Szene, keinen Park, keine Bordsteinkante, an der schon mal jemand gestanden hätte. Kein Angebot am Nachmittag. Was es gab, war ein Mann mit einem Hof und der Überzeugung, dass das hier funktionieren kann.
Man sieht ihn selten ohne Blaumann. Also in seinem Fall Rotmann. Er ist einer, der baut, schraubt, organisiert, lacht. Und der durch und durch Skateboarder ist. Das Brett klebt gefühlt seit immer an seinen Füßen.
Der Verein
Über allem steht dabei nicht nur Martin, sondern inzwischen der Tree of Life Skateboard e.V.
Hinter ihm steht kein Einzelner, sondern ein Team, das Förderanträge schreibt, Strukturen aufbaut und die Arbeit Jahr für Jahr weitermacht. Im Vorstand sitzt Hans Jürgen Kuhn, genannt Cola – er hat einen der ersten Skateboardvereine Berlins gegründet. Man weiß hier also ziemlich genau, wie so etwas entsteht. Und wie lange es dauert.
Der Verein ist offen für alle, die sich fürs Skateboarden interessieren. Kinder, Jugendliche, Erwachsene.
Und von Anfang an war ihm das Soziale mindestens so wichtig wie das Rollen. Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, die Projekte, das Niedrigschwellige. Ein Skateboard ist da eher der Anlass als der Zweck.
Warum es nicht nur ein Sport ist
Skaten ist keine Sportart, in der jemand gewinnt.
Es gibt keinen Gegner. Keine Mannschaft, in die man aufgenommen werden muss. Keine Trainingszeiten, zu denen man pünktlich zu sein hat. Niemand wird als Letzter gewählt, weil niemand wählt.
Was es gibt: Leute, die sich gegenseitig Sachen beibringen. Die zwei Stunden lang denselben Trick versuchen, hinfallen, wieder aufstehen. Und die, wenn es beim einunddreißigsten Mal klappt, mit den Brettern auf den Boden schlagen, weil man so klatscht beim Skaten.
Martin sagt das selbst so: Es geht nicht um Wettbewerb. Es geht ums Miteinander.
Genau dieses Lebensgefühl will er in die Uckermark holen. Nicht den Sport allein. Die Community drumherum.
Zelte, Lagerfeuer, Badesee…
In diesem Jahr ist das Tree of Life Skatecamp zehn Jahre alt geworden.
Zehn Sommer auf Martins Karolinenhof zwischen Templin und Gerswalde. Zelte, die schief stehen. Ein Lagerfeuer, an dem irgendwann alle sitzen, weil es dunkel wird und man nirgendwo hin muss. Ein Badesee. Und Skateboards, die tagsüber über den Hof scheppern.
Gedacht war das ursprünglich für Großstadtkinder. Ein Angebot, das die Stadt aufs Land locken sollte, raus aus der Wohnung, rein ins Zelt. Passiert ist etwas anderes. Von Jahr zu Jahr kamen mehr Kinder aus der Uckermark dazu. Irgendwann waren es nicht mehr die Berliner*innen, für die man das machte.
Zehn Jahre sind in der Jugendarbeit eine lange Zeit. Länger als die meisten Förderzeiträume. Länger, als Kinder Kinder bleiben. Wer damals zum ersten Mal auf einem Brett stand, ist heute erwachsen.
Für manche Workshops presst Martin Skateboards. Selbst. Er hat eine Presse. Er hat Helme, Schoner, Boards – genug für eine ganze Gruppe, die er einfach mitbringen kann. Wer den Workshop bucht, geht am Ende mit einem selbst gebauten Skateboard nach Hause. Die Rohlinge bringt er vorgepresst mit, angepasst wird vor Ort, und die Grafik gestalten die Kinder selbst.
Das ist der Punkt, an dem aus einem Sportgerät etwas anderes wird. Man kann sich ein Skateboard kaufen. Man kann aber auch eine Woche lang eins bauen, es bemalen und danach damit fahren. Es gibt nicht viele Nachmittage, an deren Ende man etwas in der Hand hält.
Ein Ort, der auch im November existiert
Im AngerWERK-Gründungsstipendium hat Martin daraus eine größere Idee gemacht. Sie klingt erst mal unspektakulär: ein Raum. Aber einer, den es hier so nicht gibt. Ein Treffpunkt für junge Menschen. Zum Skaten, zum Tischtennisspielen, zum Rumhängen, zum Quatschen. Ein Ort, an dem man nach der Schule einfach hingehen kann. Nicht abhängig vom Wetter. Nicht abhängig von Öffnungszeiten. Nicht abhängig davon, ob gerade jemand ein Programm anbietet. Auch nicht abhängig, ob man genug Taschengeld hat.
Denn genau daran scheitert es auf dem Land meistens. Im Sommer geht vieles. Ab November geht wenig. Wer skaten will, braucht bei Regen und Frost eine Möglichkeit zu trainieren oder hört auf.
Dazu kommt ein zweites Ziel des Vereins: die Szenen aus Templin, Angermünde, Schwedt, Prenzlau und der übrigen Uckermark miteinander zu vernetzen. Aus vielen einzelnen Kindern, die irgendwo auf einem Parkplatz üben, eine Community zu machen.
An dieser Idee, diesem Traum, dieser Vision arbeitet Martin unermüdlich.
Und wo skatet man bis dahin?
In Schwedt gibt es einen Jugendverein, der solche Nachmittage anbietet. In Angermünde wurde gerade ein Skatepark eröffnet – Martin war von Anfang an beratend dabei, damals noch in Gesprächen mit dem ehemaligen Bürgermeister.
Es ist immer dasselbe Muster. Jemand wartet nicht, bis eine Struktur entsteht. Jemand plant mit, presst Bretter und macht zehn Jahre lang Camps, bis sie da ist.
Was sich dabei nebenbei auch noch verändert hat: Skaten war lange ein Jungsding. Die Mädchen saßen daneben und hielten die Jacken. Das stimmt heute nicht mehr. Es kommen immer mehr Mädchen. Sie stehen selbst auf dem Brett.
Von A nach B
Übrigens arbeitet Martin auch noch als Busfahrer für ein Reiseunternehmen.
Ich weiß nicht genau, warum mich das so freut. Vielleicht, weil es diesen einen Typ Busfahrer gibt, an den man sich ein Leben lang erinnert. Den fröhlichen. Der bei Klassenfahrten eine ganze Horde Kinder durchs halbe Land bringt, ohne dass jemand merkt, was das für eine Verantwortung ist. Der weiß, wo man anhalten muss. Der die Musik lauter dreht.
Man kommt bei ihm an, ohne dass es sich nach Ankommen angefühlt hätte. Man war einfach die ganze Zeit unterwegs, und es war schön.
Genau das macht Martin hier auch. Nur ohne Bus.
Er bringt Kinder von A nach B, auf vier kleinen Rollen. Und ganz nebenbei eine Region gleich mit.
Infos
Tree of Life Skateboard e.V.
Für alle skateboardinteressierten Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen
Tree of Life Skatecamp Feriencamp für Kinder und Jugendliche auf dem Karolinenhof zwischen Templin und Gerswalde Skateboarding, Natur, Gemeinschaft, selbstgebaute Boards
Workshops Skateboard-Bau und Fahrtechnik, mobil buchbar Ausrüstung für ganze Gruppen kann mitgebracht werden
Ort
Karolinenhof
Boitzenburger Land-Haßleben
Kontakt
Webseite: Tree of Life e. V.
Instagram @treeoflifeskatecamp