Zentrum für gemeinwohlorientierte Gründung, Transformation, Engagement

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Philipp Niedrich: Apollo Webdesign

Spechthausen, Eberswalde
Vom Potsdamer Platz ins kalte Wasser

Wer auf einer Berliner Brache zwischen Zirkuswagen aufwächst, nimmt mehr mit als Erinnerungen. Eine Geschichte über Herkunft, Freiheit und die Suche nach dem eigenen Weg.

Die Geschichte von Philipp Niedrich beginnt im Niemandsland. Oder genauer: mitten auf dem Potsdamer Platz in Berlin. Beides stimmt.
Anfang der 1980er Jahre ist der Potsdamer Platz kein Ort aus Postkarten. Keine Bürotürme, keine gläsernen Fassaden, keine Touristengruppen. Stattdessen liegt zwischen Ost und West eine riesige Brache. Ein leerer Raum mitten in der Stadt. Dahinter ein Todesstreifen. Ein Stück Berlin, das noch nicht ahnen kann, was es einmal werden wird.
Im Zentrum Berlins, auf dieser Brache steht der Zirkuswagen seiner Eltern.
Dort beginnt die Geschichte.
Seine Eltern könnten unterschiedlicher kaum sein. Die Mutter Psychotherapeutin, der Vater Lehrer mit einer großen Liebe zu Zirkuswagen, Freiheit und improvisierten Lebensentwürfen. Während andere Menschen von Eigenheimen träumen, baut sich der Vater auf dem Potsdamer Platz sein Zuhause. Zwischen Sand, Schotter und Weite entsteht eine kleines Wagendorf. Als Philipp geboren wird, zieht die Mutter wenige Minuten entfernt in eine Wohnung. Sie wünscht sich fließendes Wasser, Strom und ein wenig mehr Alltag. Der Vater bleibt im Wagen. Philipp wächst zwischen beiden Welten auf.
Damals wirkt dieser Ort wie eine eigene kleine Republik. Später fährt hier die Magnetschwebebahn über das freie Gelände. Es gibt den Polenmarkt, Händler, Hütchenspieler, improvisierte Buden und Menschen, die Freiräume nutzen, lange bevor Investoren ihr Potenzial entdecken. Irgendwann wird der Rollheimer-Gemeinschaft sogar das Grundstück angeboten. Eine Million D-Mark soll es kosten. Die Antwort fällt schlicht aus: Wer soll für diesen Schrottplatz eine Million Mark bezahlen?
Die Mauer steht noch. Niemand ahnt, was aus diesem Stück Niemandsland einmal werden wird. Heute hätte diese Entscheidung die Bewohner:innen der Wagendorf vermutlich zu Multimillionären gemacht.
Aber darum ging es nie.
Die Menschen, die dort lebten, wollten keinen Profit machen. Sie wollten einen Ort gestalten. Einen Raum mit Leben füllen. Einen Platz schaffen, an dem Dinge entstehen können. Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Lektionen, die Philipp aus seiner Kindheit mitnimmt: Der Wert eines Ortes liegt nicht zuerst in seinem Preis. Sondern darin, was Menschen daraus machen.
Als Philipp noch klein ist, laden ihn seine Eltern in einen LKW, hängen den Zirkuswagen hinten an und fahren los. Jugoslawien, Griechenland, Türkei. Europa aus der Perspektive eines Kindes. Nicht als Urlaub, sondern als Lebensform. Anderthalb Jahre unterwegs. „Da bin ich meinen Eltern bis heute dankbar“, sagt Philipp. Erinnerungen hat er nur wenige. Aber die Haltung dahinter ist geblieben: Die Welt ist größer als der Ort, an dem man geboren wird.

"Ich will mehr Sinfonieorchester sein, als Solo-Flöte"

Mit den Jahren verändert sich sein Blick. Während der Vater das Wagenleben weiter ausbaut, mit Küchenwagen, Badezimmerwagen und immer neuen Ideen, wächst in Philipp der Wunsch nach etwas anderem. Nach Struktur. Nach einem eigenen Weg.
Den findet er zunächst in einer Gitarre.
Sie liegt beim Vater herum. Philipp beginnt zu spielen. Erst aus Neugier, dann mit Ehrgeiz. Irgendwann sieht er im Fernsehen ein Konzert eines spanischen Gitarristen und beschließt, dass er das auch lernen will. Er übt stundenlang, nimmt Unterricht, wird immer besser. Später studiert er an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin klassische Gitarre, macht Diplom und Master of Music.
Parallel dazu entwickelt sich eine zweite Leidenschaft.
In dem Wagendorf lebt ein Nachbar: Pantomime, Clown und Konditor. Für seine Auftritte braucht er Flyer, Plakate und später eine Website. Philipp hilft ihm dabei. Ganz pragmatisch. Er gestaltet Materialien, tüftelt an Computern und merkt schnell, wie viel Spaß es ihm macht, Menschen und ihre Ideen sichtbar zu machen.
Auch in der Schule zieht es ihn immer wieder zu technischen Projekten. Bei einem Siemens-Wettbewerb programmiert er digitale Welten und entdeckt, dass ihm nicht nur Musik liegt, sondern auch Systeme, Strukturen und das Denken in Möglichkeiten.
Während andere sich zwischen Kreativität und Technik entscheiden, interessiert ihn beides.
Jahre später gründet er seine Agentur Apollo Webdesign.
Heute entwickelt er Websites, digitale Strategien und Kommunikationslösungen für Unternehmen, Notariate, Organisationen und Projekte aus der Region. Zu seinen Kund:innen gehören unter anderem das AngerWERK, das Startup Labor Schwedt oder Kulturhanse Transfer. Wer mit Philipp arbeitet, bekommt selten nur eine Website. Ihn interessiert die größere Frage: Wie wird ein Projekt sichtbar? Wie finden Menschen den Weg dorthin? Wie entstehen digitale Räume, die tatsächlich genutzt werden?

Vom Falschgeld zur Guthabenkarte

Dabei wirkt sein Alltag heute auf den ersten Blick weit entfernt von seiner Berliner Kindheit. Philipp lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Spechthausen bei Eberswalde. Ein Ort, dessen Geschichte fast genauso ungewöhnlich ist wie seine eigene.
Spechthausen entstand einst rund um eine Papierfabrik. Über Generationen wurde hier Papier produziert und das Dorf von der Fabrik geprägt. Geld spielte an diesem Ort schon immer eine besondere Rolle. Heute allerdings auf eine ganz andere Weise.
Auf dem Gelände leben Menschen in ehemaligen Fabrikgebäuden, Werkstätten und Wohnungen. Junge Familien, Kreative, Handwerker:innen, Selbstständige. Manche wohnen seit Jahrzehnten hier, andere sind erst vor Kurzem dazugekommen. Zwischen alten Backsteinmauern und Industriegeschichte entsteht ein kleines Universum aus sehr unterschiedlichen Lebensentwürfen.
Natürlich gibt es Konflikte. Wo Menschen dicht zusammenleben, entstehen Reibungen. Aber es gibt auch die anderen Momente. Den kleinen Strand am Bach im Wald. Gemeinsame Gespräche. Die Breathwork-Sessions am Wochenende. Den 24-Stunden-Tante-Emma-Laden. 
Das wirkt fast symbolisch, denn Spechthausen hat eine lange Geschichte rund ums Geld. In der Papierfabrik wurde über Jahrzehnte Spezialpapier hergestellt, darunter auch Papier für Banknoten. Während des Zweiten Weltkriegs spielte der Ort zudem eine Rolle bei der sogenannten „Operation Bernhard“, einem der größten Falschgeldprojekte der Geschichte. Für die in Konzentrationslagern produzierten britischen Pfundnoten wurde unter anderem Spezialpapier aus Spechthausen verwendet. Das Ziel der Nationalsozialisten: die britische Wirtschaft mit täuschend echten Fälschungen zu destabilisieren.
Heute geht es hier deutlich friedlicher zu. Im kleinen Selbstbedienungsladen warten vegane Aufstriche, Gemüse oder das Brot vom Bäcker Wiese. Bezahlt wird über eine Guthabenkarte, wer im Laden mitarbeitet, bekommt darüber Rabatt, externe Kundinnen zahlen per EC-Karte. Eine Kamera hängt trotzdem in der Ecke, unauffällig, fast entschuldigend. Früher entstand hier Geld im industriellen Maßstab. Heute funktioniert vieles über Handschlagqualität, auch wenn niemand mehr ganz ohne Absicherung auskommt.

Auch junge Unternehmen haben sich in Spechthausen angesiedelt. Das Gemeinwohl- Vorzeige- Unternehmen Finizio entwickelt hier Komposttoiletten. Andere bauen Möbel, arbeiten digital oder gründen kleine Projekte. Niemand lebt exakt gleich. Und gerade deshalb funktioniert es.
Philipp ist ein Ur-Berliner. Geboren am Potsdamer Platz, aufgewachsen zwischen Kreuzberg, Wagendorf und Großstadt. Heute ist er selbst einer der Zugezogenen im Barnim. Die Perspektive hat sich verändert. Vielleicht versteht er deshalb beide Seiten so gut.

Morgens im Bach, mittags im Browser

Für Philipp fühlt sich dieser Ort erstaunlich vertraut an. Nicht weil er aussieht wie die Wagendorf seiner Kindheit. Sondern weil Menschen hier Räume schaffen, bespielen und immer wieder neu erfinden.
Morgens geht er oft in den Bach. Sommer wie Winter. Danach sitzt er am Rechner, entwickelt Websites, spricht mit Kund:innen und baut digitale Strukturen. Der Kontrast könnte größer kaum sein.
Und gleichzeitig passt er perfekt. Denn so unterschiedlich seine Eltern waren, so unterschiedlich sind auch die beiden Seiten seines eigenen Lebens. Die Freiheit des Vaters. Die Bodenständigkeit der Mutter. Die Kreativität des Musikers. Die Präzision des Programmierers. Das Improvisieren und das Strukturieren.
Philipp hat sich nie für eine dieser Welten entschieden. Er hat beide mitgenommen. Vielleicht bleibt genau das am Ende von Kindheiten hängen. Nicht die Orte. Nicht die Regeln. Sondern die Art, wie Erwachsene ihr Leben gestalten.
Vom Niemandsland am Potsdamer Platz bis nach Spechthausen führt keine gerade Linie. Eher ein Umweg voller Zufälle, Begegnungen und Entscheidungen.
Gerade fühlt sich dieser Weg für die Familie richtig an. Die Kinder können draußen spielen, allein über den Hof laufen, im Wald verschwinden und mit anderen Kindern aufwachsen. Es gibt Gemeinschaft, Natur und genügend Raum für eigene Ideen.
Beim Spaziergang über das Gelände von Spechthausen, schaut Phillip auf die alten Betonflächen zwischen den Backsteingebäuden und denkt trotzdem weiter. “Ein paar mehr Schafe vielleicht. Noch ein paar Hühner. Mehr Wiesen. Weniger Asphalt.”
Es klingt nicht wie eine Beschwerde. Eher wie die nächste Idee.
Wer seine Kindheit auf einer Brache am Potsdamer Platz verbracht hat, lernt früh, dass Orte nicht einfach da sind und auch nicht für immer bleiben. Menschen machen etwas aus ihnen. Sie bauen sie um, beleben sie, denken sie neu. Aus einer Brachfläche wird eine Wagendorf. Aus einer Wagendorf wird ein Stück Kindheit. Aus einer alten Papierfabrik ein Wohnort für Familien, Handwerker*innen, Gründer*innen und Freigeister.
Vielleicht ist das das, was Philipp von seinen Eltern mitgenommen hat: die Fähigkeit, sich das Leben nicht nur vorzustellen, sondern es Schritt für Schritt so zu bauen, wie es sich richtig anfühlt. Wir machen uns die Welt, wideewidde wie sie uns gefällt.
Nicht perfekt. Nicht fertig. Aber lebendig. Genau dort, wo man gerade ist.

Infos

Philipp Niedrich

…Gründer und Inhaber von Apollo Webdesign. Der studierte Konzert-Gitarrist entwickelt Websites, digitale Strategien und Kommunikationslösungen für Unternehmen, Organisationen und Projekte. Zu seinen Kund:innen zählen unter anderem das AngerWERK, das Startup Labor Schwedt und der Kulturhanse Transfer.

Ort

Spechthausen / Eberswalde

Einwohner

301

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