Martin Grunwald hat sich seinen Reiterhof mit Pension in Herzsprung selbst gebaut, Brett für Brett. Zwanzig Jahre nach Beginn sagt er zum ersten Mal einen Satz, den man selten von irgendjemandem hört.
Wenn man auf einen fremden Hof kommt, weiß man vorher nie, was einen erwartet. Bellt hier jemand? Beißt jemand? Schimpft jemand, weil man zu früh oder zu spät ist? Hier nicht.
Ein Schäferhund kommt über den Hof gelaufen. Ich zucke kurz zusammen. Dann kommt noch ein kleiner, wuscheliger Hund dazu, wirft sich vor mir auf den Rücken und verlangt: Kraul meinen Bauch. So werde ich begrüßt, noch bevor Martin mir überhaupt die Hand schütteln kann.
Martin trägt einen Strohhut. Statt einer Begrüßung drückt er mir einen Korb in die Hand. Darin: zwei Meerschweinchen und ein Kaninchen, die für den Nachmittag unter den Nussbaum umziehen. Dort ist es schattiger.
Wir setzen uns an einen Tisch, durch den ein Holunder wächst. Das bedeutet: Je nachdem, wo gerade die Sonne steht, rutschen wir ein Stück zur Seite, manchmal trennt uns der Strauch mitten im Satz voneinander. Es gibt Kaffee und Kekse. Um uns herum laufen Katzen und Hunde. Auf der Weide stehen die Pferde und pflücken Äpfel direkt vom Baum. Martin spricht mit jedem von ihnen mit derselben Engelsgeduld, mit der er auch mit mir spricht. Für ihn, das merkt man schnell, sind alle Tiere gleich wichtig. Vielleicht auch gleich wichtig wie die Menschen. Oder wichtiger.
Es dauert keine fünf Minuten, bis klar wird: Wer hierher kommt, bleibt nicht Zuschauer. Man hilft mit. Trägt einen Korb. Hält ein Pferd. Öffnet ein Tor.
Über dem alten Scheunentor steht in verblassten Buchstaben ein Satz von Juli Zeh: „Pferde sind ein Glücksversprechen.“ Ich lese ihn an diesem heißen Nachmittag mehrmals. Verstehe ihn aber erst ganz am Ende.
Cowboy ohne Kühe
Reiterhöfe waren nie meine Welt. Nicht wegen der Pferde. Eher wegen der Pferdemädchen.
Als Kind wirkten diese Orte auf mich wie Räume mit eigenen Gesetzen. Die Mädchen kannten sich, tuschelten, hatten ihre Cliquen, und man wusste ziemlich schnell, ob man dazugehörte oder nicht. Ein Reiterhof war für mich also immer einfach: ein Reiterhof. Ein Ort, an dem andere Leute ihre Kindheit verbracht hatten. Nicht ich.
Bis ich nach Herzsprung kam.
Exakt zwanzig Jahre hat Martin auf diesen Nachmittag gewartet, an dem wir jetzt zusammensitzen. Also nicht auf mich, denn heute ist, das stellt sich erst im Gespräch heraus, auf den Tag der zwanzigste Jahrestag, seitdem er hierhergezogen ist. Vereinbart hatten wir den Termin, ohne das Datum zu kennen. Ob das Zufall ist oder nicht, weiß ich nicht. Aber es passt.
Martin ist in Berlin-Friedrichshain aufgewachsen und erwachsen geworden. Direkt neben dem, was heute der Eingang zum Berghain ist – damals noch ein Kraftwerk mit rauchenden Schornsteinen. Es wurde viel gehustet. Mit Pferden hatte das erst mal nichts zu tun. Die kamen über die Verwandtschaft: Sein Vater stammt aus der Schorfheide, seine Mutter von hinter Eberswalde, und bei den Onkeln auf dem Land drehte sich alles um Pferde: ein Generationshof, 25 Tiere. Jedes Wochenende fuhr Martin raus. Weil die Pferde sein Ausgleich zur lauten Stadt waren.
Vorahnung oder klare Lebensplanung?
Schon als Kind malte er einen Hof. Nicht irgendeinen Hof, sondern diesen hier. Haus mit rotem Dach, Zaun und Baum davor: im Treppenhaus seines Plattenbaus sitzend, dort, wo man viele Stockwerke tief nach unten sehen konnte. Manifestiert, würde man heute sagen. Oder visualisiert. Dabei hat er einfach nur gezeichnet, ohne groß darüber nachzudenken.
Nach dem Forstwirtschaftsstudium in Göttingen ging er nach Ontario, Kanada. Auch um endlich Englisch zu lernen, das ihm aus DDR-Schulzeiten gefehlt hatte. Er arbeitete auf einer Ranch, wurde, wie er selbst sagt, tatsächlich Cowboy: konservativ, kein Alkohol, kein Rauchen, dafür ein Berufsstolz, den er respektierte. Den echten Cowboyhut hat er sich dort verdienen müssen. Cowboys, erklärt er, sind streng darin, wer ihn tragen darf und wer nicht. Als er einem Cowboy dort erzählte, wovon er träumte: der Hof, die Pferde, die Gästezimmer –, war das der Moment, in dem der Plan wieder ganz real wurde. Kurz darauf flog er zurück nach Deutschland.
Der erste Anlauf lief über den Hof seines Onkels, in der Nähe von Eberswalde. Ein Riesengrundstück, perfekt für das, was Martin vorschwebte: ein Betrieb mit mehreren Standbeinen, Arbeit mit Menschen mit Behinderung über Förderprogramme, dazu Reiturlaub nach kanadischem Vorbild. Er meldete alles an, machte den Existenzgründerkurs bei der IHK, organisierte sich Coaching statt Startkapital. Und dann, am Tag der Betriebsbesichtigung durch IHK und Stiftung, sagte sein Onkel ab. Einfach so.
Es war mehr als ein gescheiterter Businessplan. Es war eine Enttäuschung, die bis heute nachwirkt.
Gleicher Businessplan neue Adresse
Als der erste Anlauf scheiterte, hätte Martin aufgeben können. Stattdessen fand er wenige Tage später ein Bauernhaus am Parsteiner See, in einem Dorf, von dem er noch nie gehört hatte: Herzsprung. Guter Name eigentlich.
Er betrat den Hof. Eine ältere Dame zeigte ihm bei Kaffee alles und erzählte. Am Ende des Gesprächs sagte sie, es tue ihr leid, aber sie habe schon einen Käufer.
Drei Tage später rief sie noch einmal an. Sie habe es sich anders überlegt: Er habe ihr so genau erklärt, was er vorhabe, dass es genau dem entsprochen habe, was ihr verstorbener Mann sich für den Hof gewünscht habe. Sie wollte, dass er ihn bekommt, weil sie so erleichtert war, den passenden Menschen für das Familiengrundstück gefunden zu haben. Es war in den besten Händen.
Allein hätte Martin das Haus aber nicht wieder aufbauen können. Er ist kein Handwerker. Sein Vater schon: gelernter Elektriker und wie fast jeder Handwerker im Osten konnte er mehr als seinen eigentlichen Beruf – mauern, Lehm verputzen, Dächer decken. Gerade erst in Rente gegangen, kam er von da an jeden Morgen aus Berlin, brachte ein Baguette von der Tankstelle mit, arbeitete den ganzen Tag mit. Einmal sagte er zu Martin: „Solange ich lebe, brauchst du dir keine Sorgen machen.“
Es ist der Satz, den sich Gründende, vielleicht sogar alle Menschen, von ihren Eltern zu hören wünschen.
Drei Monate später starb er. Hier, auf diesem Hof. Martin setzte sich auf die Bank, auf der wir jetzt sitzen, die Sonne schien feuerrot, und er wusste, dass das mit dem Keine-Sorgen-Machen jetzt vorbei war.
Martin erzählt das ganz nüchtern, so, wie man von etwas erzählt, das einfach zu einem Leben dazugehört, ob man es sich ausgesucht hat oder nicht.
Drei Jahre, sagt Martin sinngemäß, brauche es, um zu merken, ob eine Idee überhaupt trägt. Fünf bis zehn, bis sie sich wirklich lohnt. Aber es gibt auch Momente, in denen ein Traum, für den man nie eine Pause gemacht hat, plötzlich schwerer wiegt, als er trägt.
So ist das nun mal mit Träumen, die Realität werden: Sie machen Arbeit, fordern Verantwortung, und man muss an ihnen festhalten, wenn man sie nicht verlieren will. Aber irgendwann werden vom Halten eben auch die Hände müde. So ein Hof macht keine Pause. Nie. Die Tiere wollen trotzdem jeden Morgen Frühstück. Auch wenn man selbst eigentlich liegen bleiben will.
Die Bretter, die die Welt bedeuten
Nichts auf diesem Hof wirkt herausgeputzt. Keine akkurat gepflasterten Wege, keine perfekt ausgerichteten Zäune. Vieles hat er selbst gebaut. Vieles aus altem Material: Bretter von früheren Baustellen, aus denen er erst mühsam die alten Nägel ziehen musste, weil neue Bretter zu teuer gewesen wären. Die Hollywoodschaukel steht ein wenig schief. Der Holunder im Tisch hat seinen Weg gefunden und darf bleiben. Feldsteine liegen nicht dekorativ übereinander, sondern so, wie Martin sie vor Jahren hingelegt hat.
Es kommen Menschen aus der ganzen Welt zum „Pferde-Martin“. Manche seit Jahren immer wieder. Weil sie einen Ort suchen, der sich echt anfühlt. Und weil man sich hier nicht verstellen muss.
Die erste Reitstunde
Über Pferde spricht Martin selten wie über Tiere. Eher wie über Erinnerungen, die man nicht mehr loswird. „Die erste Reitstunde ist die wichtigste“, sagt er. „Wenn die nicht gut ist, kommt der Mensch vielleicht nie wieder.“
Er weiß, wovon er spricht. Eine Frau erzählt ihm noch vierzig Jahre später von einem Hund, der sie als Kind gebissen hat, und wie sehr dieses eine Erlebnis ihr Verhältnis zu Tieren bis heute prägt. Deshalb nimmt Martin die ersten Ausritte seiner Gäste besonders ernst. Er weiß, dass sich in diesen ersten Minuten entscheidet, ob jemand Pferde oder vielleicht sogar Tiere für den Rest seines Lebens mag oder meidet.
Kennengelernt habe ich Martin und seinen Hof wegen meiner Tochter. An einem Sonntag in der Uckermark, an dem wir nicht wussten, wohin mit uns, wollte sie unbedingt einmal reiten. So kamen wir zufällig nach Herzsprung. Sie war zurückhaltend, fast ängstlich, als das Pferd geführt wurde. Am Ende wollte sie nicht mehr absteigen und am liebsten immer weiter reiten. Auf dem Rückweg zum Auto fragte sie mich: „Mama, wenn wir irgendwann mal einen großen Garten haben: Kann ich dann ein Pony haben?“
Ausgerechnet meine Tochter. Ein Pferdemädchen…
Auch nach zwanzig Jahren ist Martin hier nicht einfach nur „zugezogen“. Er kennt inzwischen jeden im Baumarkt, dass es seiner pubertierenden Tochter schon fast peinlich ist, mit wie vielen Menschen ihr Vater dort ins Gespräch kommt.
Und doch erzählt er auch von der Nachbarin, die seit sechzig Jahren im Dorf lebt und mit niemandem per Du ist. Das beschreibt diese Region vielleicht besser als jede Statistik. Zeit lässt sich hier nicht abkürzen, auch nicht mit Freundlichkeit. Und Martin gehört inzwischen dazu. Weil man nach zwanzig Jahren halt irgendwie verwachsen ist mit dem Ort.
Manchmal schläft Martin im Wohnwagen auf der Weide. Da sei die Welt noch in Ordnung, sagt er. Ein Hund im Bett, einer unterm Wohnwagen. Morgens klopft ein Pferd am Wohnwagen, bis er wackelt. Besser als jeder Wecker.
Finanziell trägt sich der Hof heute über die Pension und die Reiterei. Dazu kommt, wenn es die Kapazitäten hergeben, eine Kooperation mit einer Reha-Klinik hier. Patientinnen und Patienten kommen für Hippotherapie auf den Hof, eine Arbeit, die Martin über Jahre selbst mit aufgebaut hat. Gerade ruht das Projekt aus personellen Gründen, aber er tut alles, damit es schon bald weitergehen kann.
Aber es ist die Art von Standbein, die zeigt, wie aus einem Traum ein tragfähiges Geschäftsmodell wird: nicht ein Produkt, sondern mehrere, die sich gegenseitig stützen.
Vielleicht ist das die eigentliche Pointe seines Unternehmertums: Am Anfang versucht man ständig, etwas zu beweisen: Cowboy werden, Förster werden, gründen, überleben. Irgendwann muss man niemandem mehr etwas beweisen. Die Menschen kommen von allein.
Angekommen
Ich wollte eigentlich nur ein Interview führen. Am Ende sitze ich zwei Stunden auf der alten Holzbank unter dem Nussbaum und vergesse fast, mein Kind aus dem Kindergarten abzuholen.
Beim Abschied erzähle ich Martin, dass meine Tochter dank ihm jetzt auch ein Pony will. Sage, dass ein Haus mit großem Garten wahrscheinlich nie auf meiner Bingokarte stehen wird. Martin schaut mich an. Mit diesem kleinen Augenzwinkern. „Du musst es einfach visualisieren.“
Bevor ich fahre, sehe ich mich noch einmal um. Die Hunde schlafen inzwischen im Schatten. Der Holunder wächst fröhlich weiter durch den Tisch. Die Hollywoodschaukel wird vermutlich auch in den nächsten Jahren so stabil schief stehen bleiben.
Alles ist fertig auf seine Art. Und doch wirkt alles angekommen.
Vielleicht ist das der Unterschied. Martin hat nie versucht, den perfekten Hof zu bauen. Er hat den Hof gebaut, den er brauchte. Einen Ort, der am Ende genauso geworden ist wie der, den ein kleiner Junge einst auf den Treppen eines Berliner Plattenbaus zeichnete.
Der Hof ist das Leben eines Menschen. Der Hof ist Martin. Und Martin wartet auf nichts mehr.
Als ich losfahre, denke ich noch einmal an den Satz über dem Scheunentor. „Pferde sind ein Glücksversprechen.“ Vielleicht stimmt das. Vielleicht geht es aber auch gar nicht um Pferde. Sondern darum, dass manche Menschen ihr Glück so lange bauen, Brett für Brett, Nagel für Nagel, bis sie eines Tages auf einer alten Holzbank sitzen und einen Satz sagen können, den man nur selten hört und den sich doch insgeheim jeder wünscht, selbst einmal sagen zu können:
„Jetzt habe ich eigentlich alles.“
Fotos: Lisa Lange Fotografie
Infos
Wer gründet hier?
Gründer: Martin Grunwald
Reitpension am Wiesengrund Am Wiesengrund 22 16278 Angermünde OT Herzsprung Uckermark
Angebot: Reitpension mit Ausritten und Kutschfahrten Zwei Ferienwohnungen im Landhausstil Hippotherapie in Kooperation mit der GLG Fachklinik Wolletzsee (derzeit ruhend)
Kontakt
Webseite: reitpension-wiesengrund.de
Mail: info@reitpension-wiesengrund.de
Telefon: 03331-298824
Ort
Reitpension am Wiesengrund
Am Wiesengrund 22
16278 Angermünde OT Herzsprung
Einwohner
260
Lage und Anbindung
Berlin: ca. 80 km
Angermünde: ca. 5 km
Eberswalde: ca. 13 km
Parsteiner See: ca. 400 m
Ein Fahrrad lohnt sich immer in der Gegend, um die Natur und Seen zu entdecken.